Wie funktioniert unser Wasserhaushalt nach dem Braunkohleausstieg?
Shownotes
In dieser Folge geht es unter anderem um:
die Folgen der jahrzehntelangen Grundwasserabsenkung den Wiederanstieg des Grundwassers nach dem Braunkohleausstieg die Entstehung der Tagebauseen und ihre langen Entwicklungszeiträume die künftige Wasserversorgung im Rheinischen Revier blau-grüne Strukturen und die Anpassung an den Klimawandel die Zusammenarbeit über kommunale und nationale Grenzen hinweg die Chancen einer klimaresilienten und regenerativen Modellregion
Zu Gast: Dr. Dietmar Jansen, Bereichsleiter Gewässer und ständiger Vertreter des Vorstandes des Erftverbandes
Moderation: Anna Hecker
Weitere Informationen: www.wasser-im-wandel.de www.erftverband.de
Förderhinweis: Wasser.Welle. entsteht im Förderprojekt KOMM.RHEIN.REVIER. Dieses wird über das Bundesprogramm STARK aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert.
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00:00:00: Sprecherstimme: Die Sprecherstimme im Vorspann dieses Podcasts wurde mithilfe von künstlicher Intelligenz generiert.
00:00:08: Dr. Dietmar Jansen: Einen so großen Raum so umfangreich neu zu gestalten, umzugestalten und zu entwickeln, ist meiner Meinung nach ein Privileg. Das ist ein Privileg, das man so eigentlich, wenn überhaupt, einmal im Leben vor die Füße bekommt. Und dazu braucht es natürlich Mut.
00:00:29: Sprecherstimme: Wie funktioniert unser Wasserhaushalt nach dem Braunkohleausstieg? Das Rheinische Revier steht vor einer der größten wasserwirtschaftlichen Veränderungen Europas. Mit dem Ende des Braunkohleabbaus verändert sich nicht nur die Energieversorgung, sondern ein gesamter Landschaftsraum und sein Wasserhaushalt. Über Jahrzehnte wurde Grundwasser abgepumpt, Flüsse wurden umgestaltet und wassertechnisch gesteuert. Jetzt beginnt der Übergang in eine neue Phase, hin zu einer klimaangepassten blau-grünen Modellregion. Doch wie funktioniert dieser Wandel eigentlich? Welche Aufgaben entstehen jetzt und warum wird Wasser zur zentralen Grundlage des Strukturwandels? Darüber sprechen wir in dieser Folge von Wasser.Welle. mit Dr. Dietmar Jansen, Bereichsleiter Gewässer.
00:01:33: Anna Hecker: Hallo, Herr Dr. Jansen! Herzlich willkommen bei Wasser.Welle.
00:01:37: Dr. Dietmar Jansen: Ja, vielen Dank, dass ich hier sein darf.
00:01:39: Anna Hecker: Wenn wir über den Strukturwandel im Rheinischen Revier sprechen, dann fallen ja ganz oft die großen Schlagworte wie Rheinwassertransportleitung oder auch die gigantischen Tagebauseen, die da immer eine Rolle spielen. Wenn wir diese Projekte einmal ausblenden: Wie spannend und vielfältig ist das Thema Wasser im Rheinischen Revier wirklich?
00:02:00: Dr. Dietmar Jansen: Also, es ist sehr spannend, und ich glaube nicht, dass man irgendetwas aussparen kann. Denn so wie in der Natur oder in jedem System ist das auch bei der Wasserwirtschaft so: Alles hängt mit allem zusammen. Man kann da nicht einen Baustein rausnehmen. Also, würde man einen Baustein rausnehmen, würde gar nichts funktionieren. Alle Teillösungen oder Teilprojekte, auch wenn es gigantische Projekte sind, das sind schon auch Teile, unbedingt erforderliche Teile der Gesamtlösung. Und ohne eines davon würde es gar nicht funktionieren. Das sind natürlich vor allen Dingen große, spektakuläre technische Maßnahmen und Projekte, die Sie gerade aufgezählt haben. Die Dimensionen sind fast gar nicht vorstellbar. Aber es gibt darüber hinaus auch Auswirkungen, wie zum Beispiel die Gestaltung der gesamten Region, die es gilt neu zu machen, neu hinzukriegen, und zwar zukunftsfähig hinzukriegen, sodass sie eben nicht mehr am Tropf hängt, an einem technischen Tropf.
00:03:02: Anna Hecker: Wenn wir über das Erbe sprechen: Die Braunkohle hat das Revier über Jahrzehnte geprägt. Wie massiv war dieser Eingriff in den Naturhaushalt wirklich?
00:03:12: Dr. Dietmar Jansen: Man kann es sich nicht wirklich vorstellen, weil die Dimensionen so groß sind. Aber wenn man sich einmal überlegt, dass ungefähr zehn Prozent der Fläche Nordrhein-Westfalens von diesen Sümpfungsmaßnahmen, also dem Abpumpen des Grundwassers zum Trockenlegen der Tagebaue, betroffen sind, gibt das vielleicht einen Eindruck von der Größenordnung. Und wenn alles zusammenhängt, dann gibt es auch immer entsprechende Kettenreaktionen. Also: Ein Absenken hier hat Auswirkungen ganz woanders, zum Beispiel bei grundwasserabhängigen Feuchtgebieten, bei Oberflächengewässern und der Wasserversorgung und so weiter. Und vielleicht zeigt das eine Zahl: Insgesamt hat man für die Gewinnung der Braunkohle 20 Milliarden Kubikmeter Wasser dem System entnommen. 20 Milliarden Kubikmeter Wasser kann sich überhaupt niemand vorstellen. Das sind einfach Dimensionen, die kann man sich nicht vorstellen. In ganz Deutschland werden pro Jahr ungefähr fünf Milliarden Kubikmeter für die Trinkwasserversorgung verwendet, also ein Vielfaches von dem, was ganz Deutschland pro Jahr als Trinkwasser braucht. Dann kommt man der Sache vielleicht schon näher. Oder wenn man überlegt, wie viel Wasser Köln braucht: Köln und Umgebung, das sind ungefähr 77 Millionen Kubikmeter im Jahr, also über 200-mal Köln. Und das bleibt natürlich auch langfristig nicht ohne Folgen. Die Folgen zu kompensieren, ist während dieser aktiven Tagebauphase, dieser aktiven Bergbauphase, immer eine Hauptaufgabe gewesen. Zukünftig wird sich das eben umdrehen. Die Aufgaben, aber auch die Verantwortung und die Tragweite, auch die räumliche Tragweite, bleiben natürlich in gleicher Form bestehen – und auch noch viele Jahrzehnte.
00:05:13: Anna Hecker: Würden Sie sagen, über die Jahre war es eher eine Summe aus Einzelmaßnahmen, die die Region so stark geprägt haben? Oder waren da wirklich ein, zwei deutliche Maßnahmen dabei, die einen sehr großen Einfluss hatten?
00:05:26: Dr. Dietmar Jansen: Der originäre Einfluss ist natürlich das Absenken des Grundwassers über viele Hundert Meter. Und zwar nicht nur an einer Stelle, sondern an mehreren Stellen im Rheinischen Revier. Das ist der größte Impact, den es hier in der Region so gibt. Und alles daran schließt sich aber an. Man kann es nicht auf ein, zwei Hotspots beziehen, denn man muss das immer systemisch betrachten. Also, die Ressource Wasser oder die Wasserwirtschaft erfordert einen systemischen Umgang. Man kann es nicht isoliert in Einzelmaßnahmen denken. Natürlich wird es dann bei den Maßnahmen auf Einzelmaßnahmen heruntergebrochen, beispielsweise die Versorgung der Feuchtgebiete nördlich vom Tagebau Garzweiler.
00:06:13: Anna Hecker: Aber insgesamt stand die gesamte Region unter Dauerstress?
00:06:16: Dr. Dietmar Jansen: Wenn man keine Maßnahmen ergriffen hätte, ja. Dann wäre das passiert, dann wäre das Dauerstress. Es waren Maßnahmen in erheblichem Umfang erforderlich, und zwar über Jahrzehnte während der aktiven Bergbauzeit. Die aber so kaum jemand mitbekommt. Und das ist vielleicht auch das größte Kompliment an die Wasserwirtschaft. Es gab so enorme Eingriffe in dieses natürliche System. Technische Eingriffe, die aber über Jahrzehnte funktioniert haben, sodass es kaum jemand mitbekommen hat – es sei denn, er war in der Wasserwirtschaftsszene. Also, das hat immer funktioniert.
00:06:57: Anna Hecker: Wie sah das Wassersystem vorher aus? Hat man diese Zusammenhänge in dem Gesamtsystem schon erkannt oder ist das erst durch die Braunkohle zu einem Bewusstsein hier in der Region geworden?
00:07:08: Dr. Dietmar Jansen: Die Hydrogeologie, also die Wissenschaft des Grundwassers und des Wassers im Boden, ist ja eine alte Wissenschaft. Wir befinden uns halt hier mitten in der Niederrheinischen Bucht. Das ist für jeden, der sich mit Geologie oder so beschäftigt, ein bekannter Begriff. Das ist nichts anderes als eine riesengroße Badewanne, mehr als 1.000 Meter tief, immer wieder sedimentiert mit Kies, mit Sand, mit Ton und mit Kohle, die sich dann letztendlich in Schichten gebildet hat. Und das ist unser Schatz, das ist unser Grundwasserschatz, den es hier gibt. Das System Niederrheinische Bucht ist sehr, sehr gut bekannt und hat jetzt erst einmal mit dem Bergbau nichts zu tun. Das ist ein äußerer Einfluss auf das System.
00:08:01: Anna Hecker: Viele brechen das ja dann vor allen Dingen auf die großen Tagebaue Hambach und Garzweiler herunter. Aber es gibt ja noch viel mehr in der Region, die auch schon viel früher gestartet sind?
00:08:09: Dr. Dietmar Jansen: Ja, genau. Also die sogenannte Ville im Osten der heutigen Tagebaue, Richtung Köln langgestreckt, parallel zur Erft, kann man sagen. Das sind alte Tagebaue, längst rekultiviert, oft forstwirtschaftlich, oft landwirtschaftlich rekultiviert. Aber die waren nicht so groß. Da war die Technik zu diesen Zeiten einfach nicht verfügbar. Also, wenn Sie sich die Bagger anschauen, die heute in diesen Tagebauen stehen: Das war damals nicht verfügbar. Die waren also bei Weitem nicht so groß, haben aber auch ihre Spuren in der Region hinterlassen.
00:08:45: Anna Hecker: Warum wird die Wasserwirtschaft jetzt zu einem zentralen Erfolgsfaktor für den Strukturwandel in der Region? Wie ist da der Zusammenhang zwischen Wasser und Strukturwandel?
00:08:54: Dr. Dietmar Jansen: Der Strukturwandel ist dadurch geprägt, dass man etwas entwickeln will. Man will etwas nach vorne bringen. Sie wollen – die Region will, vielleicht einfach ausgedrückt, in bestimmter Hinsicht auch größer werden. Für Entwicklung braucht jedes System die entsprechende Versorgung. Gerade im Moment wird sehr viel über die Stromversorgung und den Strombedarf im Rheinischen Revier gesprochen. Aber Sie können Wasser nicht weglassen bei der Versorgung. Sie können gar kein Medium, das Sie für die Versorgung und Entsorgung brauchen, bei einer Entwicklung weglassen. Waren Sie schon einmal davon betroffen, vielleicht nur vier Stunden oder mal einen Tag, von Ihrem Versorger die Meldung zu bekommen: Wir stellen jetzt einmal das Wasser für einen Tag ab?
00:09:45: Anna Hecker: Bisher noch nicht.
00:09:46: Dr. Dietmar Jansen: Ja, das macht Ihnen auch nur dann nichts aus, wenn Sie nicht zu Hause sind. Wenn Sie zu Hause sind, merken Sie sofort, was das bedeutet. Also, die Versorgung mit Wasser ist essenziell für jede Entwicklung, ob jetzt für natürliche Prozesse, aber eben auch für Ansiedlungen. Tesla in Brandenburg – da war die Wasserversorgung eigentlich das zentrale Thema. Ähnliche Situationen werden wir hier auch haben. Also, der Wasserbedarf wird hoch sein. Die Wasserverfügbarkeit ist grundsätzlich da, aber nicht an jedem Ort gleichermaßen, durch diese stark überprägten Verhältnisse, die wir haben. Deswegen muss man wasserwirtschaftlich genau hinschauen: Was ist wo möglich? Ohne Wasser ist, genau wie ohne Strom beispielsweise, eine Entwicklung überhaupt nicht möglich. Also vollkommen ausgeschlossen.
00:10:39: Anna Hecker: Häufig sprechen wir im Rheinischen Revier, wenn wir über Strukturwandel sprechen, auch über blau-grüne Strukturen. Was bedeutet das für Sie?
00:10:48: Dr. Dietmar Jansen: Manche sprechen von einer blau-grünen Modellregion. Das ist, glaube ich, eine sehr individuelle Interpretation. Da weiß ich manchmal nicht genau, was damit gemeint ist. Ich weiß, was ich darunter verstehe. Wenn man sich eine Karte anschaut – und die großräumigen Überlegungen sind ja da, sind ja gemacht worden –, dann haben Sie in der Süd-Nord-Richtung die Eifel-Rur weiter im Westen und die Erft weiter im Osten. Die sind sehr markant und ziehen sich durch das Rheinische Revier. Das sind eigentlich so die tragenden grün-blauen Achsen für die Entwicklung im Rheinischen Revier. Aber wir haben natürlich auch die kleineren Gewässer, die dann zu einem Netzwerk werden. Wenn es uns gelingt, auch im Hinblick auf die Klimawandelanpassung, diese Netzwerke zu entwickeln, ist das genau das, was ich unter einer blau-grünen oder grün-blauen Infrastruktur oder Modellregion verstehe. Also, dass man das bewusst als systemischen Beitrag versteht, den die Region braucht. Und das wird halt vielfach nicht so gesehen. Vielfach wird halt gesagt: Wir haben da etwas und das ist doch gut. Erstens wird es sich ja massiv ändern, und zweitens ist es nicht so gut, wie es vielleicht in der Fassade aussieht. Das ist das, was ich unter einer solchen Modellregion verstehe.
00:12:21: Anna Hecker: Das Bild macht es auf jeden Fall noch einmal deutlicher, wie da auch die Zusammenhänge bestehen. Sie haben gerade schon einen ganz wichtigen weiteren Punkt angesprochen, nämlich den Klimawandel. Die Aufgabe ist ja schon groß genug, und jetzt kommt der Klimawandel noch obendrauf. Wie gehen Sie damit um oder welchen Einfluss hat das auf die Planungen?
00:12:42: Dr. Dietmar Jansen: Auf die Wasserwirtschaft hat das natürlich einen sehr großen Einfluss. Wir reden von klimaresilienten Städten, Zukunftsstädten. Ein wichtiges Instrument ist dabei immer der Umgang mit Wasser: Wasser zur Kühlung, Wasser speichern, länger behalten und nicht so schnell ableiten. Wir reden von der Schwammlandschaft – eigentlich das gleiche Prinzip, aber halt nicht in Siedlungsgebieten. Insgesamt reden wir von einem nicht nur nachhaltigen, sondern von einem regenerativen Umgang mit der Ressource Wasser. Zu Beginn des Strukturwandels war ich vollkommen enthusiastisch und ich habe gesagt: Jetzt haben wir tatsächlich die Chance und können es in einer großen Region einmal ganz anders machen. Wir können das ganzheitlich denken, wir können es ganzheitlich planen. Und zwar so, dass wir das System Rheinisches Revier so weit fördern, dass es sich dann irgendwann von alleine weiterentwickelt und größer wird. Ich stelle allerdings fest: Das greift nicht. Wir fallen immer wieder in die konventionellen Planungsmethoden auf allen Ebenen zurück. Das finde ich sehr schade. Das ist eine vertane Chance, wenn wir das nicht anders machen.
00:14:09: Anna Hecker: Wo sind da die Herausforderungen?
00:14:11: Dr. Dietmar Jansen: Die Herausforderung ist, dass es nicht umgesetzt wird, dass unser Planungsalltag, den wir gewohnt sind, der routinemäßige Ablauf eines Projektes, dann immer wieder sehr kleinteilig gesehen wird. Die Ansätze zum ganzheitlichen Planen sind schon alt, die sind da. Aber wir setzen sie nicht um, weil sie im Wesentlichen ein neues Denken, ein neues Arbeiten erfordern, was natürlich auch gut zu einer Zukunftsvision passt. Nicht nur, dass die Ergebnisse nachher irgendwie zukunftsweisend sind, sondern auch die Herangehensweise, die Methoden und die Arbeit dazu. Das würde ich mir auf jeden Fall sehr wünschen. Und dann machen wir auch, davon bin ich überzeugt, eine bessere Planung und dann machen wir auch bessere Projekte.
00:15:00: Anna Hecker: Haben Sie ein Beispiel dafür, wie der Erftverband damit umgeht?
00:15:03: Dr. Dietmar Jansen: Der Erftverband beispielsweise betrachtet die Wasserversorgung eben nicht kleinteilig auf kommunaler Ebene. Das ist ja dann auch Aufgabe der Kommunen und der Wasserversorgungsunternehmen. Wir betrachten ganz langfristige und großräumige Wasserversorgungskonzepte. Und das ist auch das, was gebraucht wird. Also, wir müssen ja sicherstellen, dass die Wasserversorgung immer sichergestellt ist. Nicht nur für eine Übergangszeit oder für eine bestimmte Zeit, sondern für immer. Das erfordert dann schon einen ganzheitlichen Umgang mit der Nutzung der Wasserressource und auch mit dem Schutz der Wasserressourcen.
00:15:54: Anna Hecker: Also darin liegt die Innovation für den Strukturwandel im Bereich Gewässer oder Wasser?
00:15:59: Dr. Dietmar Jansen: Ja. Nehmen wir einmal ein Projekt: Ein Investor plant hier eine Maßnahme, bei der gute Arbeitsplätze entstehen. Man muss aber die Frage stellen: Gut, er bringt etwas in das System ein. Er nimmt aber auch etwas aus dem System heraus. Und welchen systemischen Beitrag kann dann dieses Projekt insgesamt leisten und nicht nur in einer Dimension, beispielsweise Arbeitsplätze, sondern auch noch in einer anderen Dimension, zum Beispiel Ressourcenschonung beim Wasser? Also, das wäre ein Beispiel.
00:16:42: Anna Hecker: Sie würden sagen, da brauchen wir hier in der Region einen noch stärkeren Ansatz, die einzelnen Komponenten miteinander zu denken?
00:16:49: Dr. Dietmar Jansen: Eigentlich überall. Aber wir beplanen ja jetzt hier eine ganze Region. Wo hat man sonst schon einmal diese Gelegenheit? Das heißt, wir haben hier auch den Raum und die Möglichkeiten, genau diese Methoden tatsächlich einmal zu realisieren und vielleicht sogar zukunftsfähig zu machen. Und sie sogar dahin zu bringen, dass man sie sich bei uns an anderer Stelle abschaut.
00:17:11: Anna Hecker: Es gibt ja auch die Reviere in Ostdeutschland, die den Strukturwandel schon vollzogen haben und teilweise ein Stückchen weiter sind als wir. Ganz häufig ist es ja auch so, dass dort viel stärker diese Seenlandschaft visualisiert wird. Warum ist das bei uns in der Region nicht so?
00:17:28: Dr. Dietmar Jansen: Ich denke, weil es die Seen dort schon gibt. Also, die haben fast alle Tagebauseen realisiert. Bei uns erkennen Sie diese Visualisierung eher in Animationen, auf KI-Basis, nehme ich einmal an. Aber das ist nicht real. Für die Leute, die Bevölkerung, die Politiker und Entscheidungsträger ist es immer viel einfacher, wenn man es sieht. Dann kommt es mehr ins Bewusstsein. Das ist das Gleiche wie mit der Gestaltung der Gewässer. Wir haben bis zur Realisierung erhebliche Widerstände. Wenn es umgesetzt ist, schlägt das immer um. Wir haben ausschließlich Zustimmung, und die Leute sind begeistert von ihrer neuen Landschaft, von ihrem neuen Naherholungsgebiet oder einem anderen neuen Gewässer.
00:18:23: Anna Hecker: Also liegt das vor allen Dingen am Zeithorizont, der einfach noch sehr unspezifisch ist und es schwierig macht, das zu greifen?
00:18:31: Dr. Dietmar Jansen: Und vielleicht an den Dimensionen. Also, wer kann sich denn so einen Riesensee vorstellen? Der Tagebausee Hambach wird der tiefste See in Deutschland überhaupt. Er wird vom Volumen her – nur der Bodensee ist dann größer – der zweitgrößte See in Deutschland. Und er entsteht im Wesentlichen, indem in den ersten Jahrzehnten Wasser durch eine große Leitung vom Rhein hierhergepumpt wird. Ich habe großes Verständnis dafür, dass man sich das nicht leicht vorstellen kann.
00:19:06: Anna Hecker: Wir haben gerade schon über die Zeithorizonte gesprochen. In welchen Zeithorizonten planen Sie beim Erftverband?
00:19:13: Dr. Dietmar Jansen: Also viele, viele Jahrzehnte. Manche Zeiträume gehen auch ins Jahrhundert. Wenn man sich einmal überlegt: Die Befüllung eines Tagebausees dauert vielleicht 40 Jahre. Nach den 40 Jahren ist das aber kein fertiger See. Es geht dann immer noch sehr viel Wasser aus dem See in den Grundwasserkörper, um den Grundwasserkörper wieder aufzufüllen. Das ist eigentlich die Hauptfunktion. Man muss noch 20 Jahre danach nachbefüllen, bis der Grundwasserkörper darunter wieder voll und der Seespiegel auch stabil ist. Dann ist es aber immer noch kein richtiger See, weil er noch ein bisschen durcheinander ist. Der muss sich dann erst noch einmal irgendwie sortieren und setzen. Dafür braucht er dann auch noch einmal ungefähr 20 Jahre. Und dann haben wir einen fertigen See. Das heißt, wir sind in der Größenordnung von 80 Jahren, gemessen ab 2030. Also, wir sind schon im nächsten Jahrhundert. Das sind die zeitlichen Dimensionen, die wir auch in unseren Modellen, also in unseren Betrachtungen und Planungen, tatsächlich würdigen. Auch bei der Planung der großräumigen Wasserversorgung.
00:20:37: Anna Hecker: Welche Aufgaben bleiben dann langfristig bestehen? Gibt es gewisse Dinge, die durch diesen einmaligen, menschengemachten Eingriff hier in der Region für immer bleiben werden?
00:20:51: Dr. Dietmar Jansen: Irgendjemand wird sich beispielsweise um die Seen kümmern müssen. Die Wasserwirtschaft kennt kein Ende. Das ist ein dynamischer Prozess, ein Kreislauf, der kein Ende hat. Also ist die Wasserwirtschaft insgesamt eine Daueraufgabe. Aber speziell jetzt aus den Folgen des Bergbaus: Ja, wir werden wieder den Grundwasseranstieg bekommen. Der Grundwasservorrat wird sich wieder auffüllen, und das ist genau das, was auch gewollt ist. Aber in der Vergangenheit hat man beispielsweise dort, wo vor dem Bergbau einmal hohe Grundwasserstände waren, wie in der Erftaue, gebaut. Die war früher nicht bebaut. Die konnte erst bebaut werden, nachdem das Grundwasser dort abgesenkt war. Jetzt kommt das Grundwasser zurück. Wir müssen also diese Siedlungsgebiete entlang der Erft in der Erftaue schützen. Und das wird dann auch eine Ewigkeitsaufgabe sein. Eine andere Situation, die wir haben und mit der man sich auch längst arrangiert hat: Wir werden aus den sogenannten Kippen, aus den Abraumkippen der Tagebaue, so hohe Sulfateinträge ins Grundwasser haben, dass wir diese Grundwasserkörper, die von diesen Sulfatbelastungen betroffen sind, nicht mehr wasserwirtschaftlich nutzen können. Das bedeutet, man muss die Wasserversorgung für eine Region ganz neu aufstellen. Aber das ist dann auch nicht irgendwann einmal weg.
00:22:26: Anna Hecker: Sprechen wir hier eigentlich von zwei Phasen? Also einmal die Wasserbewirtschaftung während der Tagebauendphase und einmal die Bewirtschaftung, wenn dann auch die Seen vorhanden sind und die Region sich ein bisschen mehr setzen kann?
00:22:43: Dr. Dietmar Jansen: Wir unterscheiden schon zwei Phasen, wobei beide sehr, sehr lang sind. Wenn jetzt hier im Bereich Hambach oder im Bereich Garzweiler beispielsweise, aber auch schon im Bereich Inden, die Tagebauaktivität eingestellt wird, also der Bergbau oder die Braunkohleverstromung eingestellt wird, dann beginnt für uns die sogenannte Transformationsphase. Diese Transformationsphase dauert dann bis zu dem Zeitpunkt, an dem das wasserwirtschaftliche Gesamtsystem, das heute ziemlich auf dem Kopf steht, wieder auf die Füße gestellt ist. Und dann können wir eigentlich wieder in eine normale Bewirtschaftung, also eine bergbauunabhängige Bewirtschaftung, gehen. Vorher nicht.
00:23:40: Anna Hecker: Ist eine Wasserbewirtschaftung denn immer notwendig?
00:23:43: Dr. Dietmar Jansen: Ja. Alles, was mit Wasser zu tun hat, bewegt sich in Kreisläufen. Sie können nicht aufhören, sich um die Ressource Grundwasser zu kümmern, wenn das die einzige Ressource ist, die Ihre Wasserversorgung sicherstellt. Sie werden nie aufhören können, sich darum zu kümmern, die Ressource Wasser zu schützen. Es gibt jede Menge Input und jede Menge Anforderungen an diese Ressource. Das müssen Sie im Gleichgewicht halten. Nicht jede Nutzung ist in Wasserschutzgebieten erlaubt und möglich. Nicht jede Entnahme ist in jeder Höhe möglich. Also, das wird immer eine Ewigkeitsaufgabe sein. Solange wir dieses Wasser nutzen, den Wasservorrat bewirtschaften, so lange wird es auch die Wasserwirtschaft geben. Jede Generation wird eine Wasserversorgung brauchen. Jede Generation wird Durst haben und Wasser brauchen. Also, da gibt es kein Ende dieser Aufgaben. Unsere Fließgewässer werden auch immer wieder eine gewisse Unterhaltung erfordern.
00:24:46: Anna Hecker: Wird sich das System im Rheinischen Revier denn irgendwann wirklich erholen und regenerieren? Kann man davon sprechen?
00:24:53: Dr. Dietmar Jansen: Das tun wir, und davon gehen wir auch aus! Das ist auch unbedingt nötig. Denn, um in dem systemischen Ansatz zu bleiben: Es macht überhaupt keinen Sinn, ein natürliches System künstlich am Leben zu erhalten. Es muss sich selber regenerieren können, und zwar nicht nur auf einem Status quo, den es früher vielleicht einmal gab, sondern das System muss wachsen können. Es muss sich tatsächlich regenerieren können. Es muss wachsen können, weil es halt so degeneriert ist.
00:25:33: Anna Hecker: Wenn wir das noch einmal auf die Region beziehen: Sie haben uns auch schon ein paar Mal gesagt, das Wasser macht ja an Stadtgrenzen oder kommunalen Grenzen nicht halt. Brauchen wir da viel stärker ein regionales Verständnis und vielleicht auch die Zusammenarbeit von mehreren Akteuren?
00:25:47: Dr. Dietmar Jansen: Das ist aber doch das, was gerade passiert, zum Beispiel im sogenannten Monitoring, in dem alle Folgen und alle Gegenmaßnahmen geprüft und bewertet werden, die aus dem Bergbau resultieren. In diesem Monitoring sind eigentlich alle Akteure zusammen. Das ist natürlich auch ganzheitlich betrachtet. Das ist erforderlich, das ist richtig. Es geht sogar noch weiter. Also, wir brauchen natürlich auch für den Einfluss im Bereich Inden eine überregionale Betrachtung. Die Rur geht ja irgendwann auch einmal in die Maas. Oder die Niers, deren zukünftige Quelle der Tagebausee Garzweiler ist, in den aber erst einmal Rheinwasser hineinkommt. Das Rheinwasser landet also dann im Tagebau Garzweiler und später auch bei unseren Kollegen in den Niederlanden. Also, wie gesagt: Alles hängt mit allem zusammen. Das ist letzten Endes eine internationale Aufgabenstellung.
00:26:47: Anna Hecker: Haben Sie da Beispiele für uns? Wer sitzt an diesen Planungen?
00:26:51: Dr. Dietmar Jansen: Ja, das sind die Behörden auf niederländischer Seite. Man kennt sich auch schon sehr lange, und es gibt diesen internationalen Austausch ebenfalls schon sehr lange. Die nehmen auch Stellung und werden beispielsweise bei den ganzen bergrechtlichen Verfahren eingebunden. Wenn es darum geht, dass die Bezirksregierung Arnsberg Genehmigungen erteilt, zum Beispiel für die Befüllung der Seen mit Rheinwasser, dann sind die Niederländer definitiv mit beteiligt und sitzen mit am Tisch.
00:27:24: Anna Hecker: Wenn wir das noch einmal auf den Planungshorizont beziehen: Wie schafft man es denn in diesem langen Zeitraum, die Akteure wirklich immer am Tisch zu halten? Die einzelnen Akteure werden ja vielleicht wechseln. Es gehen Menschen in Rente, es kommen neue, junge Leute dazu. Wie kann dieser Prozess dann wirklich gelingen?
00:27:45: Dr. Dietmar Jansen: Indem es ein sehr starkes Bewusstsein für diese Umstände und für dieses Erfordernis gibt. Bislang ist es gelungen. Also, der Tagebau läuft schon seit Generationen. Aber es wird natürlich immer eine Aufgabe sein, nicht nur ein einzelnes Projekt zu betrachten, sondern auch das Know-how weiterzugeben und das Know-how zu sichern. Es ist sehr schwierig und kompliziert mit diesen ganzen Zusammenhängen. Es bedarf da schon immer der Aufmerksamkeit, damit das auch nicht unter den Tisch fällt, sondern diese Relevanz tatsächlich auch ihre Bedeutung behält. Wir sind im Moment in einer Hochphase der Aufmerksamkeit, was die Wasserwirtschaft im Rheinischen Revier betrifft. In den ganzen Jahrzehnten, als vorrangig der Bergbau im Normalbetrieb lief, war das ganz anders. Da war die Wasserwirtschaft nicht so im Fokus. Jetzt, wo sich alles ändert, ist der Fokus schon auch darauf: Klappt das alles? Ist alles sicher? Schaffen wir das? Es bleibt abzuwarten, wie stark dieses Bewusstsein in einigen Jahrzehnten noch vorhanden ist.
00:28:59: Anna Hecker: Was schätzen Sie?
00:29:00: Dr. Dietmar Jansen: Es wird wieder abnehmen, und das wäre auch ein Erfolg. Also, es wäre ein Erfolg in dem Sinne, gleichzeitig aber auch ein Misserfolg. Es wäre ein Erfolg in dem Sinne, dass es geklappt hat, dass wir unseren Job alle miteinander gut gemacht haben, was diese Transformation angeht. Und ein Misserfolg natürlich dahingehend, dass das Thema Wasser in all seinen Ausprägungen nicht die nötige Aufmerksamkeit bekommt. Und das sage ich jetzt nicht als Wasserwirtschaftler: nicht die erforderliche Aufmerksamkeit bekommt, die es braucht. Dabei rede ich natürlich in erster Linie von dem Thema Wasserversorgung, aber ich rede natürlich auch von den Themen Hochwasser und Starkregen.
00:29:44: Anna Hecker: Wenn wir über den Strukturwandel hier sprechen, dann fällt auch oft der Begriff „die größte Landschaftsbaustelle Europas“. Müssen wir da eigentlich eher von der größten Wasserbaustelle Europas sprechen?
00:29:55: Dr. Dietmar Jansen: In Verbindung mit den Tagebaufolgeseen kann man das durchaus so sagen. Wo passiert etwas Vergleichbares? Es gibt Minen, Kupferminen und so weiter weltweit. Die sind auch tief und groß, aber sie liegen nicht in so eng besiedelten Gebieten wie hier in unserem Raum. Vor dem Hintergrund dieser Tagebaufolgeseen kann man davon reden, dass das eine der größten Landschaftsbaustellen ist.
00:30:32: Anna Hecker: Welche Chance sehen Sie denn ganz persönlich in diesem Wandel, der jetzt für das Rheinische Revier vollzogen wird?
00:30:39: Dr. Dietmar Jansen: Eigentlich sehe ich ja viele Chancen. Ich würde mich auch freuen, wenn wir ein paar davon ergreifen würden. Einen so großen Raum so umfangreich neu zu gestalten, umzugestalten und zu entwickeln, ist meiner Meinung nach ein Privileg. Das ist ein Privileg, das man so eigentlich, wenn überhaupt, einmal im Leben vor die Füße bekommt. Dessen sollten wir uns bewusst sein. Es erfordert aber, diesen großen Raum mit so vielfältigen Anforderungen und Zielen, die sich auch gegenseitig tatsächlich einmal in die Quere kommen, ganzheitlich zu beplanen und ganzheitlich zu betrachten. Und dazu braucht es natürlich Mut. Also auch einmal mit der German Angst aufzuräumen, was vielleicht eine der größten Hürden ist. Man weiß, was man hat, und daran möchte man festhalten, weil: Das, was da kommt, das kenne ich nicht. Und wer weiß, ob es gut geht? Was man uns da alles so verspricht. Auch das ist eine große Chance, Mut zur Veränderungsbereitschaft tatsächlich in einer Region zu entwickeln. Das erfordert natürlich viel Kommunikation und auch Beteiligung, sodass man diese neue Zukunft, diese neue Region und diese neue Identität wirklich haben will. Insgesamt können wir hier in diesem großen Raum viele Sachen machen, die tatsächlich den Namen verdienen, eine klimaresiliente, regenerative Modellregion zu sein. Das ist kein Etikett, das man sich einfach so auf die Fahne schreiben kann, bin ich der Meinung, und dann machen wir trotzdem alles wie immer. Das wird meiner Meinung nach nicht gelingen können. Da wünsche ich mir dann auch tatsächlich mehr Mut. Diesen Mut, einfach einmal neue Ideen zuzulassen, ist die Voraussetzung dafür, dass hier etwas Neues entstehen kann. Etwas, das tatsächlich auch dieses Etikett verdient: Modellregion zu sein.
00:32:59: Anna Hecker: Das sind wirklich starke Worte zum Abschluss. Herr Dr. Jansen, ganz herzlichen Dank für diesen Einblick in das Thema Wasser im Rheinischen Revier.
00:33:06: Dr. Dietmar Jansen: Sehr gerne. Danke.
00:33:09: Anna Hecker: Zu Gast war Dr. Dietmar Jansen, Bereichsleiter Gewässer und ständiger Vertreter des Vorstandes des Erftverbandes. Bis zur nächsten Folge von Wasser.Welle.
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