Ist unsere Wasserversorgung auch nach dem Bergbauende sicher?
Shownotes
Mehr als 3.000 Quadratkilometer und damit annähernd zehn Prozent der Landesfläche Nordrhein-Westfalens sind von den Grundwasserabsenkungen des Braunkohlenbergbaus betroffen. Trotzdem war die Trinkwasserversorgung im Rheinischen Revier jederzeit gesichert. Damit das auch nach dem Bergbauende so bleibt, muss die Wasserversorgung langfristig geplant und an neue Bedingungen angepasst werden.
In dieser Folge geht es unter anderem um:
die Herkunft unseres Trinkwassers im Rheinischen Revier den Einfluss der Sümpfungsmaßnahmen auf das Grundwasser die Nutzung des abgepumpten Wassers Veränderungen der Wasserqualität durch Sulfat langfristige Wasserversorgungskonzepte die künftige Bedeutung des Rheinwassers die Befüllung der Tagebauseen und den Wiederanstieg des Grundwassers Infiltrationsmaßnahmen im Nordraum Grundwasserneubildung und Klimawandel Wasser als Standortfaktor für Bevölkerung, Industrie und Landwirtschaft
Zu Gast: Stefan Simon, Abteilungsleiter Grundwasser beim Erftverband
Moderation: Anna Hecker
Weitere Informationen: https://www.wasser-im-wandel.de https://www.erftverband.de
Hinweis: Die Sprecherstimme im Vorspann dieses Podcasts wurde mithilfe von künstlicher Intelligenz generiert.
Wasser.Welle. ist ein Podcast von KOMM.RHEIN.REVIER. und dem Erftverband.
KOMM.RHEIN.REVIER. wird im Rahmen des STARK-Programms durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert – aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
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00:00:00: Sprecherstimme: Die Sprecherstimme im Vorspann dieses Podcasts wurde mithilfe von künstlicher Intelligenz generiert.
00:00:00: Stefan Simon: Insgesamt sind das mehr als dreitausend Quadratkilometer. Das sind annähernd zehn Prozent der gesamten Landesfläche, eine sehr große Fläche, wo also der Bergbau quasi in den Grundwasserhaushalt eingegriffen hat. Und trotz dieses massiven Eingriffs ist die Trinkwasserversorgung im Rheinischen Revier bislang jederzeit sichergestellt gewesen. Das ist auch ein großer Erfolg eigentlich aller wasserwirtschaftlichen Akteure.
00:00:27: Sprecherstimme: Ist unsere Wasserversorgung auch nach dem Bergbauende sicher? Sauberes Trinkwasser gehört für die meisten Menschen ganz selbstverständlich zum Alltag. Es ist jederzeit verfügbar, egal ob zu Hause, bei der Arbeit oder unterwegs. Doch im Rheinischen Revier verändert der Braunkohleausstieg auch die Grundlagen der zukünftigen Wasserversorgung. Mit der Befüllung der Tagebaue und dem Wandel des Wasserhaushalts entstehen neue Herausforderungen, unter anderem durch Sulfat im Grundwasser.
00:00:59: Sprecherstimme: Gleichzeitig wird Rheinwasser künftig eine immer wichtigere Rolle spielen, um den zukünftigen Wasserhaushalt der Region zu stabilisieren. Wie kann die Trinkwasserversorgung für Bürgerinnen und Bürger, aber auch für die Wirtschaft trotzdem langfristig sicher, bezahlbar und zuverlässig bleiben? Darüber sprechen wir in dieser Folge von Wasser.Welle mit Stefan Simon, Abteilungsleiter Grundwasser des Erftverbandes.
00:01:35: Anna Hecker: Hallo Stefan, herzlich willkommen im Podcast Wasser.Welle! Wenn wir heute auf die Tagebaulandschaft schauen, dann sehen wir ja die Veränderung jeden Tag vor uns. Aber warum müssen wir jetzt darüber sprechen, was eigentlich unter uns passiert, also über unser Wasser?
00:01:51: Stefan Simon: Ja, unser Wasser ist relativ wichtig, weil wir alle tagtäglich Wasser brauchen. Wenn du morgens ins Bad gehst oder dir in der Küche einen Tee oder einen Kaffee zubereitest, dann bist du gewohnt, den Hahn aufzudrehen, und hast eigentlich 24/7 frisches Wasser zur Verfügung. Und das ist natürlich im Rheinischen Revier genauso der Fall. Jeder Mensch, jedes Wesen hat einen Anspruch darauf, dass zu jeder Tages- und Nachtzeit Wasser zur Verfügung steht. Aber im Rheinischen Revier haben wir die Besonderheit: Wir haben hier den Braunkohlenbergbau, und er macht halt was mit dem Wasser, mit dem Grundwasser.
00:02:27: Stefan Simon: Er pumpt es nämlich ab. Das heißt, wir haben dort intensive Sümpfungsmaßnahmen. Und deswegen müssen wir uns auch mit der Frage auseinandersetzen: Ist denn die Wasserversorgung sicher?
00:02:36: Anna Hecker: Welche Rolle spielt denn der Bergbau aktuell in dem Wassersystem? Also, wie kann man sich das vorstellen, was da unter unserer Erde aktuell passiert?
00:02:45: Stefan Simon: Man kann sich das so vorstellen: Ich weiß nicht, ob du mal an einem Tagebauaussichtspunkt gestanden hast. Dort sieht man ja die Bagger, die im Prinzip die Kohle in großer Tiefe gewinnen. Und man muss sich vorstellen, dass dieses gesamte Schichtensystem normalerweise unter Wasser stehen würde. Das heißt, wir sind hier in der Niederrheinischen Bucht. Das ist per se eine sehr wasserreiche Region. Und diese ganzen Erdschichten, die man dort sieht, sind natürlicherweise mit Wasser gefüllt. Man würde also an die Kohle quasi gar nicht herankommen und könnte diese nicht fördern.
00:03:15: Stefan Simon: Deswegen muss der Bergbau das Wasser quasi abpumpen, und das muss er schon seit vielen Jahrzehnten. Der Bergmann sagt Sümpfen dazu. Und das Wasser wird überwiegend abgeleitet, teilweise aber auch intensiv genutzt. Das führt zur Absenkung dieser Wasserspiegel. Und es kann dazu führen, dass beispielsweise in einem Wasserwerk, das für die Bevölkerung in einer bestimmten Gemeinde oder Stadt zuständig ist, sozusagen die Wasserstände in den Brunnen sinken.
00:03:48: Stefan Simon: Das heißt, der Bergbau kann durchaus auch in relativ großer Entfernung seine Auswirkungen zeigen. Das gilt es im Prinzip zu untersuchen und zu überwachen.
00:03:59: Anna Hecker: Wenn wir noch mal auf das Thema zurückkommen, dass die Sümpfungsmaßnahmen stattfinden: Wohin geht das Wasser, das dort abgepumpt wird? Du hast es gerade schon gesagt: Das wird für die Bewirtschaftung genutzt, oder wo geht das hin?
00:04:14: Stefan Simon: Sehr unterschiedlich! Das Wasser wird hier in der Nähe vom Tagebau Hambach überwiegend abgeleitet, und zwar in die Erft. Die Erft wurde entsprechend ausgebaut, um diese großen Sümpfungswassermengen aufzunehmen. Aber ein Großteil des Wassers wird auch natürlich genutzt. Das heißt, wir haben heute noch die großen Braunkohlekraftwerke in der Region, die für die Stromversorgung wichtig sind. Und diese Kraftwerke brauchen Kühlwasser. Dafür wird dieses Wasser natürlich auch genutzt. Darüber hinaus wird auch Wasser aus den Sümpfungsmaßnahmen teilweise für Trinkwasserzwecke verwendet. Das heißt, speziell für Trinkwasserbelange ausgebaute Brunnen, die eigentlich der Sümpfung dienen, dienen zusätzlich auch der Trinkwasserversorgung.
00:04:57: Stefan Simon: Das heißt, wir haben beides: eine Ableitung und eine entsprechende Nutzung des Wassers.
00:05:01: Anna Hecker: Und welchen Einfluss hat es auf die Trinkwasserqualität?
00:05:04: Stefan Simon: Also, erst mal ist es sozusagen ein mengenmäßiger Einfluss durch die entsprechende Absenkung. Aber wir haben halt die Besonderheit, dass es im Rheinischen Revier durch die Absenkung zur Belüftung von Sedimenten kommt. Also diesen Erdschichten, und zwar vor allen Dingen den marinen, die unter Meeresbedingungen im Tertiär vor vielen Millionen Jahren gebildet worden sind. Dort finden Oxidationsprozesse statt. Das heißt, wir haben dort fein verteilte Pyrite. Die oxidieren und können in dem Fall Ionen freisetzen, vor allen Dingen Sulfat, aber auch andere Stoffe wie Eisen und Schwermetalle.
00:05:44: Stefan Simon: Und die können, wenn Trinkwassergewinnungsanlagen in der Nähe sind, zu Beeinträchtigungen oder Veränderungen führen. Aber wir wissen schon sehr lange, dass diese Prozesse stattfinden. Wir wissen auch, was in der Zukunft stattfinden wird, und können dementsprechend planerisch die Wasserversorgung sicherstellen.
00:06:02: Anna Hecker: Du hattest gerade schon Sulfat erwähnt. Wo kommt es jetzt genau her? Was macht es mit dem Wassersystem?
00:06:10: Stefan Simon: Genau, das kann ich gerne noch mal erläutern. Das Sulfat kommt aus Eisenverbindungen, aus Eisensulfiden, und zwar aus Pyriten. Die befinden sich in den tieferen Schichten, die letztlich auch vom Bergbau gesümpft werden, wo also das Wasser abgepumpt werden muss. Und dort finden dann entsprechende Oxidationsprozesse statt. Das heißt, einerseits werden diese Schichten belüftet. Sie werden aber von den Baggern aufgenommen, man will ja an die Kohle kommen, und dann entsprechend verkippt.
00:06:42: Stefan Simon: Und die ganze Zeit kann dann Sauerstoff zutreten. Diese Pyrite werden dann oxidiert, und dabei wird Sulfat gebildet. Wenn später das Wasser durch den Grundwasserwiederanstieg irgendwann wiederkommt, wird dieses Sulfat gelöst und kann transportiert werden.
00:06:59: Anna Hecker: Das heißt, durch die Grundwasserabsenkung kommt Sauerstoff in tiefere Schichten, und dadurch wird dieses Sulfat freigesetzt.
00:07:08: Stefan Simon: Weniger in die tieferen Schichten, sondern in das Material, wenn es vom Bagger aufgenommen und dann verkippt wird. Man muss ja diese Nebengesteine, so nennen wir sie, quasi entfernen, um an die Kohle zu kommen. In denen sind diese Pyrite enthalten. Und dann kann auf dem Förderband oder der Kippe der Sauerstoff eintreten, der die Oxidation auslöst. Das heißt, aus den Pyriten werden unter anderem Sulfate. Die werden dann vom Wasser gelöst und transportiert.
00:07:40: Anna Hecker: Und wohin gehen sie denn?
00:07:42: Stefan Simon: Ja, die bleiben im Grundwasser. Das Wasser kommt ja wieder. Sie werden transportiert, breiten sich aus, fließen mit dem natürlich strömenden Grundwasser und können Trinkwassergewinnungsanlagen und die entsprechenden Förderbrunnen erreichen.
00:08:02: Anna Hecker: Also sollte Sulfat optimalerweise eigentlich nicht im Grundwasser sein?
00:08:07: Stefan Simon: Es ist ein natürlicher Bestandteil. Aber durch den Bergbau kommt es zu einer deutlichen Erhöhung der Sulfatkonzentration. Und dann kann es in den Trinkwassergewinnungsanlagen Probleme geben, weil es zu einer Grenzwertüberschreitung kommen kann.
00:08:22: Anna Hecker: Aber das ist für mich jetzt als Mensch nicht gefährlich, das zu trinken?
00:08:27: Stefan Simon: Das ist ein natürliches Vorkommen.
00:08:29: Anna Hecker: Aber was macht das Sulfat dann zum Beispiel mit den Wasserwerken, wenn es da ankommt?
00:08:34: Stefan Simon: Es macht dem Wasserwerk erst mal nichts. Nur die Wasserwerke müssen natürlich sicherstellen, dass der Trinkwassergrenzwert eingehalten wird. Und wenn hohe Sulfatbelastungen auf diese Brunnen zuströmen, dann kann nicht mehr gewährleistet sein, dass der Sulfatgrenzwert der Trinkwasserverordnung am Ende eingehalten wird. Und wir nutzen mathematische Prognoseinstrumente, um zu schauen, wie sich das Sulfat ausbreitet, wann und in welcher Konzentration. So können wir abschätzen, wann bestimmte Gewinnungsanlagen möglicherweise ein qualitatives Problem haben.
00:09:10: Anna Hecker: Das heißt, bestenfalls wisst ihr das schon, bevor das Problem überhaupt auftritt?
00:09:13: Stefan Simon: Das ist richtig. Genau dafür nutzen wir solche Instrumente und im Prinzip unsere Expertise in der wasserwirtschaftlichen Planung. Und können dann reagieren und sagen: Welche langfristige Versorgungskonzeption ist eigentlich nötig? Wenn es zu Überschreitungen des Grenzwerts für die Sulfatkonzentration kommt, dann müssen möglicherweise Brunnen aufgegeben und Wassermengen an andere Standorte verlagert werden.
00:09:42: Anna Hecker: Das ist durchaus realistisch, dass Trinkwasserbrunnen verlagert werden müssen, weil die Sulfatwerte zu hoch sind?
00:09:47: Stefan Simon: Ja, das haben wir auch heute schon. Es gibt also schon Fälle, wo wir durch einen Grundwasserwiederanstieg im Bereich von Alttagebauen bereits Sulfatgrenzwertüberschreitungen in Brunnen festgestellt haben. Dann musste eine entsprechende Verlagerung stattfinden. Das heißt, der Wasserversorger hat mit dem Verursacher, dem Bergbautreibenden, eine entsprechende Konzeption erarbeitet, wie ein Verlagerungskonzept aussieht. Und genau diese Veränderungen werden auch zukünftig auftreten. Das sind insgesamt fünf Gewinnungsanlagen, von denen wir davon ausgehen, dass Belastungen durch das abströmende Sulfat später zu erwarten sind.
00:10:29: Anna Hecker: Ist das für das Rheinische Revier viel oder wenig, wenn es fünf Anlagen betrifft?
00:10:33: Stefan Simon: Es ist relativ wenig. Aber es sind teilweise doch durchaus größere Mengen, die aus diesen Gewinnungsanlagen gefördert werden, und regional kann das schon sehr bedeutsam sein. Aber wir haben halt den Vorteil und die Besonderheit: Es gibt also Standorte, die diese Sulfatbelastung eben nicht erfahren werden.
00:10:50: Anna Hecker: Welche Standorte sind das zum Beispiel?
00:10:52: Stefan Simon: Ein sehr wichtiger Standort wird der Standort Dirmerzheim sein. Das ist ein Ortsteil von Erftstadt. Dort haben wir bereits heute eine Trinkwassergewinnungsanlage, die sowohl die Bevölkerung als auch die Industrie der Region versorgt. Diese Gewinnungsanlage wird langfristig sicher sein. Das heißt, sie wird keine Abströme dieses hoch mineralisierten Wassers erfahren und wird langfristig das wichtigste Standbein der Trinkwasserversorgung hier in der mittleren und nördlichen Erftscholle sein.
00:11:24: Anna Hecker: Also ist es dann auch genau deine Aufgabe, zu schauen, wie die Konzepte und die Lösungen für neue Standorte der Trinkwassergewinnung aussehen können?
00:11:32: Stefan Simon: Genau, das mache ich nicht alleine. Dafür habe ich ein tolles Wissenschaftlerteam. Und wir machen es auch nicht als Erftverband allein, sondern in enger Zusammenarbeit mit dem Bergbautreibenden, dem regionalen Versorger und den Wasserbehörden, um letztlich diese konzeptionelle Planung dann auch irgendwann in die Realität umsetzen zu können.
00:11:52: Anna Hecker: Und wann wird das umgesetzt? Also ist das für die fünf Standorte, die betroffen sind, jetzt schon so weit ausgeplant?
00:12:00: Stefan Simon: Wir sind jetzt gerade dabei, diese Wasserversorgungskonzepte auszuarbeiten und zu präzisieren. Es finden noch einige Anpassungen und Aktualisierungen statt, beispielsweise bei der Frage, ob eine bestimmte Gewinnungsanlage nach der Tagebauumplanung heute weiterhin betroffen sein wird, wie wir es vor zehn Jahren ermittelt hatten, oder eben nicht. Das ist noch Gegenstand aktueller Untersuchungen, und darauf werden dann die Wasserversorgungskonzepte angepasst.
00:12:28: Anna Hecker: Also fließen auch immer wieder neue Faktoren in diese Konzepte ein?
00:12:32: Stefan Simon: Absolut. Aber die Zeit drängt natürlich in gewisser Weise. Der Braunkohleausstieg steht vor der Tür. Und solche Verlagerungskonzepte müssen natürlich auch, sage ich mal, in den Häusern finanziell unterfüttert werden. Der Leitungsbau muss vollzogen werden, es müssen Standorte reaktiviert werden. Das heißt, wir brauchen auch einen entsprechenden zeitlichen Vorlauf, sodass letztlich hier in gewisser Weise die Zeit drängt. Aber trotzdem kann man verkünden: Die Wasserversorgung wird auch zukünftig sicher sein.
00:13:08: Stefan Simon: Das heißt, wir haben diese Sicherheit, wir haben diese Standorte.
00:13:12: Anna Hecker: Welchen Einfluss hatte denn jetzt der gesamte Bergbau über die letzten Jahre auf unser Grundwassersystem? Das ist ja auch etwas, was man als Nutzer oder als normaler Bewohner gar nicht mitbekommt. Wie messt ihr, wie es dem Grundwasser da unten eigentlich geht? Könnt ihr das feststellen?
00:13:29: Stefan Simon: Ja, das können wir feststellen. Das ist auch eine unserer Hauptaufgaben beim Erftverband. Wir sollen nämlich beobachten, was eigentlich mit der Ressource Grundwasser passiert, vor allen Dingen vor dem Hintergrund des Braunkohlenbergbaus. Und wir müssen dabei zwischen Mengenaspekten einerseits und qualitativen Aspekten andererseits unterscheiden. Und ich hatte ja bereits erwähnt: Damit Bergbau überhaupt möglich ist, muss die Trockenhaltung dieser Tagebaulöcher vorgenommen werden. Das Wasser muss sozusagen weg, es muss gesümpft werden. Dadurch entstehen große Absenktrichter.
00:14:05: Stefan Simon: Das heißt, du musst dir vorstellen: Um die Brunnen herum - und im Tagebaubereich gibt es eine Vielzahl von Brunnen - entstehen quasi konzentrische Trichter. Den Brunnen läuft das Wasser zu, und es bilden sich Absenktrichter. Diese Absenkung lässt sich halt nicht auf den einzelnen Nahbereich eines Brunnens beschränken, sondern hat eine entsprechende Reichweite. Das heißt, wir haben im Rheinischen Revier um die Tagebaue herum doch sehr große, vom Bergbau beeinflusste Flächen, wo also die Wasseroberfläche, die Grundwasseroberfläche, abgesenkt ist.
00:14:40: Stefan Simon: Insgesamt sind das mehr als dreitausend Quadratkilometer. Das sind annähernd zehn Prozent der gesamten Landesfläche, eine sehr große Fläche, wo also der Bergbau quasi in den Grundwasserhaushalt eingegriffen hat. Aber das bedeutet eben nicht, dass wir dann vor großen Problemen stehen und plötzlich die Trinkwasserversorgung nicht mehr gesichert ist. Denn dieser Prozess findet ja schon viele, viele Jahrzehnte statt. Und trotz dieses massiven Eingriffs ist die Trinkwasserversorgung im Rheinischen Revier bislang jederzeit sichergestellt gewesen.
00:15:15: Stefan Simon: Ja, ein großer Erfolg eigentlich aller wasserwirtschaftlichen Akteure.
00:15:19: Anna Hecker: Jetzt wird ja in diesen Prozess, der jahrzehntelang so funktioniert hat, wieder eingegriffen. Der Bergbau endet, und es kommt Rheinwasser dazu. Die erste Frage ist: Wie kommt das Rheinwasser eigentlich hierher, und wie soll das ineinandergreifen und funktionieren?
00:15:34: Stefan Simon: Ja, du hast recht, wir stehen jetzt vor einem riesigen wasserwirtschaftlichen Wandel. Die ganzen letzten Jahrzehnte gab es im Prinzip nur einen Prozess: Der Bergbau ist vorangeschritten, Wasser musste weg, musste gesümpft werden. Wir haben die entsprechenden Folgen gehabt, und jetzt wird dieser Prozess umgekehrt. Das heißt, aus den Tagebaulöchern werden große Seen. Und diese werden geflutet, nicht nur mit Rheinwasser. Sondern wir haben auch einen Tagebau, der mit Rurwasser geflutet wird.
00:16:06: Stefan Simon: Aber die beiden großen Tagebaue Hambach und Garzweiler werden tatsächlich mit Rheinwasser geflutet. Hierzu wird eine große Leitung vom Rhein ins Rheinische Revier errichtet werden. Es wird dort einen Verteilpunkt bei Grevenbroich geben. Von dort aus werden dann über entsprechende Leitungsstränge einerseits der Tagebau Hambach und der spätere Tagebausee Hambach und der Tagebau Garzweiler mit seinem späteren See gefüllt werden.
00:16:37: Stefan Simon: Darüber hinaus - das ist noch ein weiterer Punkt, den können wir vielleicht noch anreißen - wird auch ein Teil des Rheinwassers im sogenannten Nordraum des Rheinischen Reviers benötigt, also nördlich des Tagebaus Garzweiler, wo auch hydraulische Gegenmaßnahmen betrieben werden. Dort wird also aktiv Wasser wieder in den Untergrund versickert. Und eine Teilmenge dieses Rheinwassers wird zum Weiterbetrieb dieser Versickerungsanlagen benötigt.
00:17:03: Anna Hecker: Das musst du uns vielleicht noch mal kurz erklären: Warum wird da Wasser versickert? Was hat das für eine Bedeutung?
00:17:10: Stefan Simon: Genau, ich spreche von dem Bereich rund um Mönchengladbach beziehungsweise südlich von Mönchengladbach. Das ist der Bereich, der durch den Tagebau Garzweiler beeinflusst wird. Und das ist ein wasserwirtschaftlich sehr intensiv genutzter Raum. Wir haben dort viele Wasserwerke im Großraum Mönchengladbach. Wir haben auch eine sehr intensive Industrie, teilweise ist dort sogar die Getränkeindustrie ansässig. Und der Bergbaueinfluss würde diese Grundwasserentnehmer massiv schädigen.
00:17:43: Stefan Simon: Also es würde zu Absenkungen kommen oder wäre dazu gekommen, wenn dort keine entsprechenden Gegenmaßnahmen betrieben worden wären. Und man hat sich schon in den 1990er-Jahren entschieden, quasi einen sogenannten Infiltrationsring zu bauen. Das heißt, wir errichten Infiltrationsbrunnen und Versickerungsschlitze. Einen Infiltrationsbrunnen kannst du dir so vorstellen: Normalerweise ist ein Brunnen dazu da, Wasser aus der Erde herauszupumpen. Ein Infiltrationsbrunnen tut genau das Gegenteil.
00:18:14: Stefan Simon: Das heißt, man leitet Wasser in diesen Brunnen ein, und über die Kontaktbereiche mit dem Grundwasserleiter versickert wieder Wasser. Die Versickerungsschlitze sind nur sechs, sieben Meter tief. Die sind ausgeschlitzt und haben auch Kontakt zum oberen Grundwasserleiter, den Kiesen und Sanden. Und dort füllt man Wasser hinein. Dieses Wasser ist heute Sümpfungswasser, kommt also aus den Tagebauen. Man füllt es dort hinein, und es bewirkt quasi den Aufbau eines unterirdischen Wasserberges, kann man sich vorstellen.
00:18:48: Stefan Simon: Das heißt, eines kleinen Wasserbergs. Damit kann man die Absenkung, die vom Tagebau eigentlich weit nach Norden reichen würde, verhindern.
00:18:58: Anna Hecker: Also ein bisschen abmildern und Wasser wieder dorthin bringen, wo es eigentlich hin soll, nämlich in die Schichten, in den Grundwasserleiter?
00:19:06: Stefan Simon: Genau! Man hat dadurch eine Kombinationswirkung. Man kann Feuchtgebiete schützen. In dem Bereich haben wir sehr viele grundwasserabhängige Feuchtgebiete. Aber man kann - wir sind ja heute im Podcast über die Wasserversorgung - auch die Wasserversorgung schützen. Das heißt, dieses Wasser hilft auch, dass Brunnen, die im Nordraum von Versorgern und Industrie betrieben werden, weiterhin betrieben werden können. Und das ist halt ein Erfolgsmodell, das seit den 1990er-Jahren wirkungsvoll funktioniert.
00:19:36: Stefan Simon: Und dieses Modell oder dieses System muss auch weiterbetrieben werden. Aber uns fehlt bald das Sümpfungswasser, weil der Tagebau, wie du ja schon eingangs erwähnt hast, zum Ende kommt. Das Sümpfungswasser steht dann nicht mehr zur Verfügung, aber wir müssen dort weiter die Grundwasserstände stützen. Wir sagen also, es sind Stützungsmaßnahmen. Und deswegen wird auch Rheinwasser genutzt.
00:19:57: Anna Hecker: Was ich sehr spannend finde, ist, was du gerade gesagt hast: dass der Bergbau eigentlich über Jahrzehnte das ganze System schon geprägt hat und man schon jahrelang daran arbeitet, dieses Problem aufzufangen. Also das ist gar nichts, was jetzt akut aufgekommen ist. Denn ich sage mal, als Bürgerin oder Bürger denkt man sich jetzt: Okay, der Tagebau endet, und jetzt müssen die Maßnahmen aktiv werden, jetzt wird es akut. Aber eigentlich gibt es ja schon ein Management, das die letzten Jahrzehnte stattgefunden hat. Das ist ja super spannend, dass im Hintergrund sehr viel läuft.
00:20:29: Anna Hecker: Vielleicht können wir noch mal auf den Punkt Rheinwasser zurückkommen. Du sagtest gerade, dass Grundwasser jetzt fehlt und das Sümpfungswasser nicht mehr quasi in den Nordraum eingespeist werden kann. Wieso kommt das Grundwasser denn nicht einfach wieder zurück?
00:20:44: Stefan Simon: Es kommt zurück! Das Grundwasser wird ja letztlich durch Niederschläge gespeist. Das heißt, wir haben es mit dem natürlichen Wasserkreislauf zu tun. Es fällt Niederschlag, der fällt auf den Boden, auf Pflanzen. Es findet der Prozess der Verdunstung statt. Ein Teil des Niederschlags oder ein großer Teil des Niederschlags versickert und landet dann letztendlich im sogenannten Grundwasser. Es trifft auf stauende Schichten und füllt den unterirdischen Hohlraum auf. Das nennen wir dann Grundwasser, das genutzt werden kann.
00:21:18: Stefan Simon: Das heißt, wenn jetzt Sümpfungsmaßnahmen beendet werden und dieser massive Eingriff in den Grundwasserhaushalt nicht mehr stattfindet, dann erholt sich das System wieder. Und du hast völlig recht, das heißt, über die Niederschläge würde genau dieser Erholungsprozess einsetzen. Aber er wird halt sehr lange dauern. Das heißt, wir sind da größenordnungsmäßig bei ungefähr hundert Jahren und mehr, bis sich das gesamte System wieder erholt hätte.
00:21:49: Stefan Simon: So lange will man nicht warten, das will man nicht akzeptieren. Diesen Prozess will man aktiv beschleunigen. Und deswegen füllt man einerseits Wasser auch in die Seen. Denn die Seen verlieren das Wasser wieder an das umgebende Gebirge, an die Schichten, die heute teilweise entleert sind. Das heißt, der Grundwasserleiter füllt sich schneller. Und im Nordraum haben wir diese Stützungsmaßnahmen, die ja auch eine Schutzfunktion darstellen und einfach weiterbetrieben werden müssen. Ansonsten hätten wir den Schutz heute, aber nicht mehr in der Zukunft.
00:22:23: Anna Hecker: Wieso braucht man das Rheinwasser an der Stelle? Also, du hattest schon den Nordraum angesprochen. Wird das auch für den gesamten Raum im Rheinischen Revier gelten? Oder wieso nur an der Stelle? Also, wieso braucht man dieses Rheinwasser da?
00:22:36: Stefan Simon: Das Rheinwasser brauchen wir natürlich vor allen Dingen für die Füllung der Seen und für die beschleunigte Wiederauffüllung. Wenn wir kurz noch mal bei dem Punkt bleiben: Wie gesagt, die Seen verlieren das Wasser. Sie sollen es auch verlieren, damit der Grundwasserspiegel schneller ansteigt.
00:22:55: Anna Hecker: Das ist von Anfang an eingeplant?
00:22:56: Stefan Simon: Das ist also nicht so, dass uns diese Menge verloren geht, sondern es ist ein gezielter Prozess. Ich fülle das Wasser in diese Hohlformen, das Wasser verlässt diese Hohlformen, füllt die umgebenden Grundwasserleiter, und natürlich füllt sich der See an sich auch.
00:23:15: Anna Hecker: Ist das auch mit ein Grund, warum die Seebefüllung so lange dauert?
00:23:19: Stefan Simon: Ja, völlig richtig! Die Seebefüllung wird ja im Prinzip dreißig bis vierzig Jahre dauern. Dann ist der Zielwasserspiegel bei den meisten Seen erreicht. Sie werden aber weiterhin noch Wasser verlieren, wie in der Zwischenzeit halt auch. Das heißt, man muss den Wasserspiegel da noch weiter stabilisieren. Und erst wenn quasi das natürliche Grundwassersystem, der natürliche Grundwasserspiegel, wieder erreicht ist, der vor dem Bergbau auch mal vorlag, dann verlieren die Seen in der Form kein Wasser mehr.
00:23:49: Stefan Simon: Sie werden also von dem Grundwasser durchströmt. Deswegen dauert dieser Prozess relativ lange.
00:23:54: Anna Hecker: Um noch mal auf die Frage zum Nordraum zurückzukommen: Gibt es da dann also noch mal Unterschiede, regional?
00:24:00: Stefan Simon: Genau! Es gibt regionale Unterschiede. Das heißt, diese hydraulischen Gegenmaßnahmen, die Versickerungsmaßnahmen, finden tatsächlich nur im Nordraum statt. Denn wir haben dort einen wasserwirtschaftlich sehr intensiv genutzten Raum. Und wenn diese Gegenmaßnahmen nicht betrieben würden, würde der Einfluss des Tagebaus Garzweiler sehr massiv in diesen Raum hineinreichen. Es würde zu Schädigungen von Feuchtgebieten kommen, Gewässer würden trockenfallen, und eine Vielzahl von Brunnen würde versiegen.
00:24:32: Stefan Simon: Das hätte dann, bezogen auf die Brunnen beispielsweise, jedes Mal vom Bergbautreibenden kompensiert werden müssen. Es wäre ein gewaltiger Aufwand gewesen, dazu noch die ökologischen Schäden. Und deswegen hat man gesagt: Man baut eben diese hydraulische Barriere auf, die, wie gesagt, seit den 1990er-Jahren sehr wirkungsvoll funktioniert. Es werden auch immer wieder Anlagen hinzugebaut, regeneriert und kaputte Anlagen ersetzt. Und dieses System wird natürlich auch überwacht. Wir können genauso wie der Bergbautreibende und die Behörden konstatieren: Das System arbeitet erfolgreich, sichert die Wasserversorgung im Nordraum, schützt Feuchtgebiete und Gewässer, ist also ein Erfolgsmodell.
00:25:12: Stefan Simon: Aber es wird nur dort betrieben, weil es nur dort notwendig ist.
00:25:16: Anna Hecker: Okay, verstehe. Das heißt, da, wo der Mensch einfach viel Wasser braucht, reagiert ihr auch in dem Sinne proaktiv, dass dort eben dann auch die Grundwasserspeicher zukünftig und langfristig aufgefüllt werden? Also da muss man einfach so ein bisschen gegensteuern und nachhelfen.
00:25:33: Stefan Simon: Letztlich schon, wobei wir die Anlagen nicht aktiv betreiben. Das ist Aufgabe des Bergbautreibenden. Aber wir sind im sogenannten Monitoring, das heißt in der Kontrolle, Überwachung und Bewertung. Da spielen wir als Erftverband eine sehr wichtige Rolle.
00:25:47: Anna Hecker: Du bringst uns genau zur nächsten Frage. Welche Rolle oder welche Aufgaben kommen denn dem Erftverband genau bei diesem Thema zu? Also womit beschäftigt ihr euch, und wie sehen die Konzepte dahinter aus, um genau solche Probleme regional auf dieser großen Fläche zu lösen?
00:26:04: Stefan Simon: Die Wasserversorgung, ich habe das bereits erwähnt, muss jederzeit sichergestellt werden. Das ist ein Grundsatz in der Region. Und Wasserversorgung heißt ja nicht nur Trinkwasserversorgung für die Bevölkerung, sondern auch Wasserbereitstellung und Versorgung für Industrie und Landwirtschaft. Das sollten wir an dieser Stelle vielleicht auch mit erwähnen. Das sind mehrere Nutzergruppen. Letztlich muss die Wasserversorgung für mehrere Nutzergruppen sichergestellt sein.
00:26:33: Anna Hecker: Gibt es denn da die Wahrscheinlichkeit, dass es in Zukunft zu Wasserknappheit kommen wird und man dann priorisieren muss, welche Nutzergruppen zuerst Wasser zur Verfügung gestellt bekommen?
00:26:44: Stefan Simon: Da müssen wir jetzt differenzieren, und zwar zwischen dem Bergbaueinfluss einerseits und sonstigen Einflüssen auf die Ressource Wasser andererseits. Der Bergbaueinfluss wird, wie erwähnt, natürlich den Raum irgendwann verlassen, er wird zurückgehen. Das heißt, wir werden eine allmähliche Erholung der Grundwasserstände erfahren. Und durch die aktive Seebefüllung wird das auch schneller gehen, als es natürlicherweise der Fall wäre. Wir werden langfristig wieder Grundwasserverhältnisse haben, wie sie vor dem Bergbau herrschten. Nur in der Nähe der Seen, weil die Seen einen definierten Wasserspiegel haben, wird sich die Situation gegenüber der Zeit vor dem Bergbau etwas ändern.
00:27:22: Stefan Simon: Das heißt, wir haben dann wieder einen Normalzustand. Und jeder potenzielle Grundwassernutzer kann natürlich entsprechend den Bewirtschaftungsgrundsätzen - hört sich jetzt sehr technisch an - im Prinzip auch die Ressource nutzen. Das heißt, er muss einen Antrag stellen: Ich will Wasser nutzen, ich habe einen bestimmten Bedarf. Dann muss geprüft werden, ob das Wasser zur Verfügung steht. Und dann darf er beispielsweise einen Brunnen betreiben. Aber du spielst ja auf Priorisierungen der Nutzung an.
00:27:52: Stefan Simon: Es gibt natürlich noch sonstige Einflüsse, die auf die Ressource Grundwasser wirken, wie beispielsweise die Landwirtschaft mit Stoffeinträgen, die zu Veränderungen der Grundwasserbeschaffenheit führen, aber auch klimatische Änderungen. Und da existiert natürlich sehr oft die Sorge, dass klimatische Änderungen möglicherweise zu einer deutlichen Reduzierung der Verfügbarkeit von Grundwasser führen. Dann könnten solche Priorisierungsfragen möglicherweise in den Vordergrund rücken. Aber man kann da so ein bisschen Entwarnung geben.
00:28:25: Stefan Simon: Alle Klimaprojektionen, die wir so kennen, sagen für die Rheinische Bucht eigentlich, dass sich das Grundwasserregime nicht grundsätzlich ändern wird. Das heißt, die sogenannte Neubildung von Grundwasser über den Niederschlag, über das Versickern von Niederschlag, wird sich langfristig nicht grundsätzlich ändern. Und das ist schon mal eine beruhigende Botschaft, sodass wir weiterhin eine wasserreiche Region sein werden.
00:28:52: Anna Hecker: Das ist auf jeden Fall eine gute Prognose für das gesamte Rheinische Revier. Ich habe jetzt auch herausgehört, dass Wasser ja schon zu einer strategischen Ressource im gesamten Rheinischen Revier wird, oder? Also dieses Thema Wassermanagement, Wasserhaushalt, Wassersystem, das wird in den nächsten Jahren noch mal deutlich zunehmen.
00:29:11: Stefan Simon: Absolut! Das tut es auch jetzt schon. Denn du kannst dir vorstellen: Es gibt natürlich viele Begehrlichkeiten in Bezug auf die Ressource Wasser. Früher waren wir eine wasserwirtschaftlich noch intensiver genutzte Region, durch die Textilindustrie beispielsweise. Durch den industriellen Wandel hat sich das ein wenig geändert, aber nicht sehr stark. Trotzdem haben wir einen hohen Nutzungsdruck hier in der Region. Wir haben auch beispielsweise Bodenschätze, die gewonnen werden. Das kann zu negativen Auswirkungen auf das Grundwasser führen.
00:29:44: Stefan Simon: Das heißt, wir müssen heute natürlich schauen: Welche Mengen an Grundwasser in welcher Qualität sind eigentlich zukünftig nötig, und wo können die gewonnen werden? Und genau dafür nutzt man ein Wassermanagement. Wir sagen, Wasserversorgungskonzepte sind nötig, um einfach zu gucken: Wo kommt das Wasser zukünftig für die Bevölkerung, die Industrie, die Landwirtschaft her? Und wie sichern wir das Ganze dann im Prinzip auch? Wie gesagt, es gibt halt einige Nutzungskonkurrenzen.
00:30:16: Anna Hecker: Wie oft werden diese Wasserversorgungskonzepte aktualisiert?
00:30:20: Stefan Simon: Wir sprechen jetzt hier von regionalen Wasserversorgungskonzepten, also durchaus großräumigen. Für die sogenannte Erftscholle, in der der Tagebau Hambach liegt, haben wir vor ungefähr zehn, zwölf Jahren ein Wasserversorgungskonzept erarbeitet, zusammen mit dem Bergbautreibenden, dem regionalen Versorger und den Behörden. Wir sind jetzt gerade dabei, das zu überarbeiten. Also so alle zehn bis fünfzehn Jahre, wenn sich vor allen Dingen auch bergbauplanerische Änderungen ergeben haben. Und die sind einfach in den letzten Jahren auf die Region zugekommen.
00:30:55: Stefan Simon: Dementsprechend müssen dann auch solche regionalen Konzepte angepasst werden.
00:30:58: Anna Hecker: Gibt es da immer noch neue Faktoren, die wieder hineinspielen und vielleicht das gesamte System verändern?
00:31:04: Stefan Simon: Oh ja! Auf jeden Fall. In dem Fall sind es tatsächlich auch klimatische Faktoren. Das heißt, wir müssen im Prinzip immer schauen: Wie sieht eigentlich die Verfügbarkeit der Ressource Grundwasser aus? Das heißt: Wie sieht die natürliche Grundwasserneubildung aus? Und wir sehen ja schon in den letzten Jahrzehnten gewisse Änderungen im Wetter- und Klimasystem. Das macht sich auch bei der Ressource Grundwasser bemerkbar, nicht dramatisch. Aber die entsprechenden Grundlagen, also wie viel Wasser eigentlich wo zur Verfügung steht, werden immer mal wieder angepasst und geändert.
00:31:40: Stefan Simon: Das heißt, wir haben jetzt auch gegenüber dem Zeitpunkt vor zehn Jahren etwas andere Eingangsgrößen, sage ich mal, also verfügbare Wassermengen. Darüber hinaus passt sich natürlich der Bedarf an. Wir müssen immer schauen: Wie ist der Bedarf heute? Und die Region steht ja vor einem großen Strukturwandel. Das heißt, der gesamte Bergbau mit seiner angegliederten Industrie verlässt irgendwann die Region, und hier kommen neue Industrien hin.
00:32:11: Stefan Simon: Wir müssen natürlich auch schauen: Wie sieht der Wasserbedarf beispielsweise dieser neuen Industrien aus? Wir sprechen ja von Wasserstoffindustrie. Wir sprechen von Hyperscalern, von Rechenzentren, die gekühlt werden müssen. Die haben entsprechenden Wasserbedarf. Und das muss natürlich auch alle paar Jahre aktualisiert werden. Und dann schaut man: Wie ist der Bedarf, und wie ist die Verfügbarkeit der Ressource? Wie sieht die Qualität aus, und passt das Ganze zusammen? Also tendenziell wird sogar der Wasserbedarf in der Region noch weiter steigen. Er wird bezogen auf die Bevölkerung leicht steigen.
00:32:44: Stefan Simon: Wir gehen also davon aus, dass es noch zu Bevölkerungszuwächsen in der Region kommen wird. Der spezifische Wasserbedarf, also das, was wir tagtäglich brauchen, ist relativ konstant seit vielen Jahrzehnten. Aber das Ganze ist natürlich sehr stark abhängig von der Anzahl der hier lebenden Menschen. Und da sehen wir halt noch leichte Steigerungen des Wasserbedarfs für die öffentliche Trinkwasserversorgung. In der Industrie erwarten wir auch leichte Steigerungen. In der Landwirtschaft, die hier keine ganz so große Rolle spielt, sehen wir bei der Bewässerung schon deutliche Steigerungen aufgrund klimatischer Entwicklungen und häufigerer Bewässerung. Und der Bergbau wird natürlich in seinem Bedarf massiv zurückgehen.
00:33:29: Anna Hecker: Das heißt, wir können schon sehr belastbar kalkulieren, mit welchen Wassermengen wir in zwanzig, vierzig oder sechzig Jahren rechnen?
00:33:36: Stefan Simon: Jetzt sind da auch noch unkalkulierbare Faktoren, die dazukommen könnten. Die gibt es natürlich immer. Es sind halt Prognosen, es sind Erwartungen. Wir wissen natürlich noch nicht, wie sich der Strukturwandel hier in der Region darstellen wird, ob sich diese Industrie tatsächlich beispielsweise hier ansiedeln wird, ob es zu der entsprechenden Transformation kommt, wie der Wasserbedarf letztendlich dann aussehen wird. Überraschungsmomente gibt es immer, aber das ist natürlich auch Bestandteil von langfristigen Planungen.
00:34:08: Stefan Simon: Du hast ja gerade auch gefragt: Wie oft wird so etwas überarbeitet? Wenn man natürlich sieht, dass sich andere Entwicklungen abzeichnen, dann muss entsprechend angepasst werden. Und die Wasserwirtschaft ist schon für eine sehr sichere und solide Planung bekannt, sodass sie im Prinzip auch solche Unwägbarkeiten gut abfangen kann.
00:34:29: Anna Hecker: Das ist schon mal sehr beruhigend, das von dir zu hören. Das heißt, unsere Wasserversorgung ist auch in Zukunft nach dem Bergbauende gesichert.
00:34:37: Stefan Simon: Genau! Diese frohe Botschaft kann man geben: Sie ist nicht nur in der Menge, sondern auch in guter Qualität gesichert.
00:34:45: Anna Hecker: Was müssen wir denn eigentlich lernen? Wir als Nutzer des Trinkwassers, wir duschen jeden Tag, wir nutzen es zum Waschen. Müssen wir da vielleicht auch so ein bisschen wieder sensibler dafür werden, dass es eben nicht selbstverständlich ist, dass Trinkwasser zur Verfügung steht?
00:35:03: Stefan Simon: Ja, man sollte immer ein Bewusstsein für die Ressource Wasser entwickeln, die man tagtäglich für hygienische Zwecke nutzt, aber natürlich auch fürs Trinken und Kochen. Es ist eine wertvolle Ressource, es ist unser Lebensmittel Nummer eins. Es ist ja auch das am besten überwachte Lebensmittel. Das heißt, man kann sich hier in Deutschland sehr gut darauf verlassen: Ich drehe den Hahn auf und kann einfach bedenkenlos Wasser trinken. Du sagst es bereits: Weltweit ist das nicht überall der Fall. Und wir haben hier einen enormen Schatz. Es ist vielen nicht unbedingt immer bewusst, wenn sie ganz selbstverständlich morgens den Wasserhahn aufdrehen.
00:35:46: Stefan Simon: Und natürlich ist es auch nie selbstverständlich, dass in so einer intensiv überprägten Region, wie wir sie hier im Rheinischen Revier haben, letztlich auch hier das Wasser in der Menge und in ausreichender Güte selbstverständlich zur Verfügung steht. Also Bewusstseinsschärfung ist immer gut.
00:36:04: Anna Hecker: Das sollten wir uns auf jeden Fall alle zu Herzen nehmen und daran denken, wenn wir das nächste Mal zu Hause den Wasserhahn aufdrehen. Mit diesen Perspektiven schließen wir die Folge zum Thema Wasserversorgung im Rheinischen Revier. Vielen Dank, Stefan, dass du heute bei uns warst und deine Perspektive mit uns geteilt hast.
00:36:20: Stefan Simon: Sehr gerne! Herzlichen Dank.
00:36:23: Anna Hecker: Zu Gast war heute Stefan Simon, Abteilungsleiter Grundwasser des Erftverbandes. Bleiben Sie auf Empfang für Wasser.Welle. Die nächste Folge wartet bereits. Ein Podcast von KOMM.RHEIN.REVIER. und dem Erftverband. KOMM.RHEIN.REVIER. wird im Rahmen des STARK-Programms durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert. Weitere Folgen, Hintergrundinformationen, Veranstaltungen und unseren Newsletter finden Sie unter www.wasser-im-wandel.de.
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